Straßen, Zen und Bodybuilding 2

1998 habe ich einige Erlebnisse meiner ersten zehn Jahre Zenpraxis aufgeschrieben. Ich habe mir damals die Ereignisse eines Morgensitzens während eines Sesshins vorgestellt und davon erzählt. Bisher haben wir das Zendo betreten, vor sechs Uhr morgens; wir haben uns auf unserem Kissen eingerichtet und nun warten wir auf  den Beginn des Zazen…

ZAZEN, 6:00 Uhr bis 6:40 Uhr

Vorschau: 6:00 Uhr: Kennt der Roshi die Antwort? / 6:04 Uhr: Wie bin ich hier hereingeraten? / 6:05 Uhr: Ich schmecke meinen Hunger… / 6:09 Uhr: …Hunger nach der Haltung / 6:11 Uhr: So sitzt der Buddha / 6:14 Uhr: Atemzählen und Bodybuilding / 6:19 Uhr: »Finden Sie meinen Geist« / 6:21 Uhr: Zen an der Volkshochschule / 6:24 Uhr: Wir werden Zen-Schüler / 6:30 Uhr: Wir bilden uns die Welt gut ein / 6:32 Uhr: Der Mönch / 6:37 Uhr: Warum hat der Barbar keinen Bart? / 6:40 Uhr: Wir stehen auf.

6:00 Uhr
Nun weiß ich auf meinem Kissen gar nicht, was ich denken soll. Wie bin ich hier bloß hereingeraten – und wie komme ich wieder heraus? Einen Verdacht habe ich: Ich werde nicht mehr herauskommen. Ich bin durch das Leben geschliddert, durch die Schlachthöfe und Bistros, die Straßen und Universitäten, Betten und Brot – nur um hier zu landen, auf dreißig Quadratzentimeter Kissen in einem dunklen Raum morgens um sechs. Brotland durchwandert und nur Krume gefunden? Vorne rauchen Räucherstäbchen und eine einsame Kerze blakt neben der holzenen Buddhafigur, die mit einem Schwert meine Illusionen durchschneiden soll.

Mit meiner Illusion habe ich mich beim Lesen angesteckt: das Leben sei mehr als der Sinn des Lebens, und es seien noch Lieder zu singen jenseits der Menschen, habe ich gelesen. Aber was ist ein Mensch? Wer bin ich? Und was ist der Sinn des Lebens?

Ob der Roshi, der eben den Saal betritt, die Antworten kennt? Kann er, der lebendige Buddha, mit seinem Schwert meine Illusionen zerschneiden? Ich hebe meinen Kopf und folge ihm mit den Augen. Sehr aufrecht, sehr gemessen hat der Löwe die Schwelle übertreten. Kurzes eisgraues Haar, eine fleischige Nase und weite Ohren ahne ich in der Dunkelheit. Der Roshi hat sogar in seiner fließenden schwarzen Robe und dem purpurfarbenen Mönchs-Umhang eine athletische Silhouette: Schwimmer. Oder Boxer. Mag sein – aber jetzt ist er Abt dieses Tempels; und Tempel ist überall, wo er sitzt. Der Roshi hat seine Hände vor der Brust zusammengelegt und steht in der Mitte des Raums. Wo hat er sein Schwert gelassen? Er blickt einmal im Halbkreis, prüfend, und sein Blick trifft meine Augen. Ich sehe schnell nach unten. Er braucht kein Schwert. Seine schweigenden Augen genügen.
Ich kenne den Roshi seit zehn Jahren und habe die Illusion, daß er die Antworten kennt. Wie wird er sein Schwert benutzen?

»BONG – Tschak – BONG…« tönt die große Klangschale. Die Nonne hinter den Glocken und Gongs hat sie angeschlagen, abgedämpft und wieder angeschlagen. Jikido heißt ihre Position und sie gibt die Zeit und ist für die Ordnung im Meditationsraum verantwortlich.
In die verebbenden Klangwellen des letzten Schlages hinein beginnen wir fünfzig Menschen einen Vers zu rezitieren, in dem wir geloben, die Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen. Ich flüstere den Vers mit den Lippen, ich meine es ernst. Ich taste nach meinem Schwert.

Der Abt hat sich zu Boden verbeugt. Er legt die Stirn auf das Holz und hebt seine Hände neben den Schläfen. Dreimal verbeugt er sich; steht nun wieder, streicht seine Robe und den purpurnen Umhang glatt und beginnt einen Rundgang, Kentan, entlang unserer Reihen. Er schreitet an jedem vorbei und wir grüßen ihn mit aneinandergelegten Händen. Der Abt hat seinen Rundgang beendet. Er setzt sich, begleitet von drei weiteren Gongschlägen, auf sein Kissen. Er ruckelt hin und her, raschelt mit den langen Ärmeln seiner Robe, zieht die Nase hoch, wiegt ein paar Mal seinen Kopf und verfällt in Bewegungslosigkeit, der lebende Buddha.

„Straßen, Zen und Bodybuilding” ist eine Serie. 

Frühere Folgen:

1. Vor dem Zazen,  5:50 Uhr bis 6:00 Uhr