Die sieben Etappen des Zen-Weges

Sieben Etappen des Zen-Weges

Photo von Bobby Stevenson on Unsplash

Den Weg suchen

Hinterm Ofen stecken wir Glücklichen, behaglich und vornehm. In unserem Glück kommt dieser Gedanke auf: „Hoffentlich bleibt es immer so gemütlich!“
Wir Glücklichen rutschen auf unserem Kissen hin und her. Obwohl wir mit solchem Glück gesegnet sind, kommen Fragen in uns auf: „Wie kann ich diese Behaglichkeit für immer bewahren? Wie kann ich meine Lieben vor Alter, Krankheit und Tod schützen? Was passiert, wenn ich selber krank werden sollte? Wie wird es sein, wenn ich alt werde? Muss auch ich sterben?“
Die Glut im Ofen wärmt – jedoch: staubig ist es; die Fragen nehmen den Atem. Die Hitze wird uns Glücklichen unangenehm. Wir sehnen uns nach Weite und Antwort. Es seien noch Lieder zu singen jenseits der Menschen, haben wir gelesen. Aber was ist ein Mensch? Wer bin ich? Und was ist der Sinn des Lebens?
Es muss noch etwas Anderes geben als diesen Platz hinterm Ofen. „Ich kann hier nicht feststecken! Ich muss aufbrechen und suchen.“

Den Weg finden

Wir Glücklichen beginnen zu suchen. Wir breiten Wanderführer und topographische Karten auf dem Studiertisch aus. „Bibel“ steht auf einem Buch, „Koran“, „Talmud“, „Sutra“, „Veda“, „Kanjur“ und „Daodejing“ lesen wir auf anderen. „Ich möchte hoch hinaus, alles möcht‘ ich wissen…“ so denken wir, “…und zwar schnell! Eine Bergtour wird mir die beste Aussicht bieten.“
84000 Wege auf den Gipfel gibt es, so lesen wir. „Welchen Weg soll ich nehmen?“ fragen wir uns. Wir denken darüber nach, am Tag und auch im Traum.
Einige der beschriebenen Wege sind lang, manche kurz. Viele führen nicht zum Gipfel.
Der Weg über die Ostflanke sei steil, aber direkt, finden wir Suchenden in den Büchern – und er bringe den Wanderer zur höchsten Höhe: dem Ende des Leidens. Dieser Weg sei der „Buddha-Weg“ benannte; seine Methode sei der achtfache Pfad. Auf dem Pfad gäbe es eine Abzweigung, den Zen-Weg, jenseits des Denkens und des Nicht-Denkens.
„Diesem Weg will ich folgen.“, sagen wir uns und bereiten unseren Aufbruch vor.

Dem Weg folgen

Wasserflaschen, Würstchen und einen dicken Kanten Brot haben wir in den Rucksack gepackt, einen Kompass, Karten und warme Socken. Wir schultern den Rucksack und finden den Einstieg zum Wanderpfad.
Zuversichtlich folgen wir den Wegweisern. Die ersten Kilometer steigen sanft an. Der Boden ist fest, der Weg scheint breit. Doch bald lässt uns eine Gabelung zweifeln. Keine Markierung, keine Steinmännchen helfen uns weiter. Niemand begegnet uns, den wir nach der Richtung fragen könnten. Meditation, Atemzählen, Mantras oder Sutren? Umkehren oder weiter gehen? Wir wählen den linken Abzweig. Ein Stein lässt uns stolpern; im Stürzen fangen wir uns ab, knapp an den Disteln vorbei. Der Blick geht nach oben, über die niedrigen Kiefern: der Gipfel weist uns die Richtung. Mutig gehen wir fort, vorbei an tiefen Abstürzen und einem angriffslustigen Schafbock.
An einer Kreuzung aber verlässt uns der Mut. Wo ist der richtige Weg? Ein einsamer Wanderer kommt zu Hilfe: „Habts euch verlaufen?“ fragt er. „Na kommts, ich bring euch zum Pfad, der ohne Umweg zum Gipfel führt, ich bin Bergführer, ich kenn mich hier aus“.
Wir vertrauen dem Menschen und folgen dem Weg, den er weist.

Den Gipfel erreichen

Wir Wanderer sind am Gipfel angekommen. Die Sicht ist atemberaubend – wir wissen uns dem Himmel nah. Keine Fragen hören wir: nur der Gipfel ist wirklich – und alles ist Antwort. Das muss die große Befreiung sein. Wir möchten nicht mehr weg!

Den Abstieg wagen

Hunger kommt auf, eine Jause tut wohl. Was machen unsere Liebsten unten im Tal? Wir können sie nicht erreichen, sie können uns nicht erreichen. Auf dem Gipfel sind wir getrennt von der Welt des Täglichen.
Ein scharfer Wind kommt auf, am östlichen Horizont deutet sich der Abend an.
Wenn wir die richtige Zeit zum Abstieg verpassen, sind wir hier oben an den Tod verloren.

Wir kennen die Statistik: die größte Gefahr für den Wanderer ist der Abstieg. Die tiefsten Abstürze passieren auf dem Rückweg.

In der Ebene ankommen

Wir haben Glück und begegnen dem Bergführer vom Vormittag wieder. Er begleitet uns auf seinem Rückweg zum Anfang des Pfades, dort wo wir in den Berg eingestiegen waren. Zurück in der Ebene schauen wir wehmütig auf die große Weite. Sie ist in uns, wir sind die Weite – und doch haben wir Hunger, der Proviant ist aufgebraucht.
Wir spüren es selber – und der Bergführer hat es bestätigt: von unserer Wanderung haben wir die Augen der Buddhas und ihre übernatürlichen Kräfte mitgebracht. Wir atmen ihren Atem, und lassen ihn verströmen. Alles, was uns begegnet, ist unser Leben und trägt das Siegel unserer lebendigen Erfahrung.
Wir haben vergessen, wo genau unser Auto geparkt steht.

Zum Marktplatz zurückkehren

Auf dem Parkplatz finden wir unser Auto wieder. Den Abfall haben wir in die Müllkästen geworfen. Andere Wanderer lassen ihre Automotoren an, Scheinwerfer entfernen sich Richtung Stadt. Müde fallen wir in die Autositze, glücklich vom Tag. Wir freuen uns, den Daheimgebliebenen von unseren Erlebnissen zu erzählen, mit ihnen die Höhen und Weiten zu teilen. Wir halten an einem Supermarkt an und kaufen Spaghetti, Sahne und Schinken. Wir wählen sorgfältig aus für ein gutes Abendessen…